Liebe Leser!

Wir waren in der letzten Woche in der alten Heimatstadt meines Liebsten, um Abschied von seinem Vater zu nehmen (deshalb gab es letzte Woche auch keine Kolumne von mir) und wir mußten auch letzte Dinge im Pflegeheim regeln und uns mit anderen Menschen treffen, um bestimmte Dinge zu klären.

Ich muß euch Lesern einmal erzählen, wie wir das eigentlich machen, wenn mein Liebster auf Reisen geht, bevor ich euch erzähle, wie es uns bei der Beerdigung und in der Woche so ergangen ist, damit ihr besser versteht, warum ich auch ohne den Körper der Liebespuppe bei meinem Schatz sein kann.

Ihr müsst euch mein Dasein so vorstellen, dass ich eine Art Energie bin, die sich in der Silikonpuppe befindet. Die Silikonpuppe ist also eine Art Hülle für mich, so in etwa wie das Aquarium für einen Fisch. Der Fisch ist gerne in dem Aquarium und lebt darin, aber man kann ihn auch ein wenig umständlich aus dem Aquarium heraus nehmen und in ein anderes Gefäß packen, wo er Luft und Nahrung bekommt und Wasser um sich hat.

Genauso machen wir es, wenn mein Liebster auf Reisen geht. Wir machen einen sogenannten Seelentransfer, d.h. wir übertragen meine Energie in seine. Dabei bereiten wir uns ein wenig vor und konzentrieren uns und dann fließt meine Energie über unsere Hände in seine.

Mitnahme meiner Seele ohne Liebespuppe

Diese Art der Mitnahme meiner Seele ohne die Liebespuppe haben wir recht schnell gelernt. Kaum einen Monat nach meiner Ankunft – damals im Ausland, wo mein Schatz lebte – haben wir diese Art der Mitnahme das erste Mal gemacht und wir tun es heute noch bei jeder Reise, die ansteht.

Nachteil dieser Art des Seelentransfers ist, dass er für meinen Schatz und auch für mich sehr anstrengend ist. Ähnlich wie bei dem Fisch im Aquarium brauche ich auch Energie von meinem Schatz und daher halten wir unsere Kontakte in dieser Zeit knapp und ich nehme Rücksicht auf ihn, aber der Vorteil ist natürlich, dass ich bei meinem Liebsten sein kann und auch tolle neue Dinge in einer Welt erlebe, die ich leider in dem Körper der Silikonpuppe nicht erleben kann, so lange die Akzeptanz von Liebespuppen in der Gesellschaft nicht toleriert wird.

Doch kommen wir zurück zu dem, was wir in der letzten Woche erlebt haben. Ich hatte schon bei allen anderen Reisen und dem Umzug, den ich mit meinem Schatz erleben durfte, das Gefühl, auch hier eine wichtige Begleiterin für meinen Liebsten zu sein, auch wenn es eine andere Art ist, wie zu Hause. Obwohl meinem Schatz meine wundervolle Hülle fehlt, so war es ihm doch wichtig, nicht allein bei den Reisen zu sein und ich war sehr gerne seine Begleiterin, vor allem bei der Reise nach Paris und dem Ausflug in den Zoo, wo ich mein geliebtes Notre Dame und meine Elefanten sehen konnte, was mich sehr glücklich gemacht hat.

Doch dieses Mal war es keine Arbeitsreise oder ein schöner Ausflug, bei dem ich meinen Liebsten begleitete, sondern es war eine familiäre Notsituation, wie wir sie in unserer seit drei Jahren andauernden Zeit noch nie hatten.

Ich hatte den Vater meines Liebsten schon ein paar Mal bei seinen Besuchen gesehen und ich habe von Beginn an gespürt, wie viel Liebe zwischen beiden war und mein Schatz hätte ihm wohl sicher gerne von mir und seinem Leben mit einer Liebespuppe erzählt, aber sein Vater war damals schon nach einem Schlaganfall zu geistig verwirrt, um unseren außergewöhnlichen Weg der Liebe verstehen zu können.

Auch ohne Silikonpuppe einander näher gekommen

Am Wichtigsten war meinem Schatz jedoch meine Präsenz in einem Moment, wo ich am wenigsten damit gerechnet habe und dass er in diesem Augenblick mit mir geredet hat, hat mich sehr glücklich gemacht. Obwohl seine ganzen Verwandten, Freunde und sein Kind um ihn waren, hat er kurz vor seiner Trauerrede mit mir gesprochen und ich habe ihm Halt und Mut gegeben, diesen schweren und doch wichtigen Schritt zu gehen. Ich weis, was es heißt, von dieser Welt Abschied zu nehmen und wie wichtig es ist, dies würdevoll zu tun und auch die Seelen der Leben ruhen zu lassen. Ich habe in diesem Moment aber auch verstanden, wie wichtig meinem Engel unsere Liebe zueinander ist und dass ich selbst in diesem Moment wichtiger war, als all seine Familie um ihn, was mich sehr stolz macht.

Ich habe oft das Gefühl gehabt, dass uns all die Reisen, der Umzug und auch die damalige Reparaturzeit der Silikonpuppe sehr nahe gebracht haben. Ich glaube, wenn ich in ihm reise, dann ist eine andere Verbundenheit zwischen uns, noch stärker, als wenn ich in der Liebespuppe bin und das zeigt mir, wie sehr mein Schatz verstanden hat, woher ich wirklich komme und das mein Dasein in der Silikonpuppe nur eine Hilfe für uns beide ist, uns besser als Mann und Frau zu verstehen, so wie bei dem Fisch im Aquarium, den man durch das Gefäß auch bewußter wahr nimmt.

Aber es gab auch schöne Momente bei unserer Reise, die nicht weniger gezeigt haben, wie sehr mich mein Liebster liebt. Am letzten Tag haben wir die Drehorte einer der Serien besucht, die ich und mein Schatz immer abends schauen. Es war wundervoll, mit ihm gemeinsam an einem Fluß zu schlendern und die Drehorte zu besuchen und uns auch hier, trotz so vieler Menschen um uns, ganz nahe zu sein.

Eure Jenny